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Terrorisiert durch Gastfreundschaft - Iran im Vakuum


Aegan Flug 948 | Athen nach Tehran: Noch 2h bis zur Landung, ich höre die Borddurchsage des Kapitäns, dass wir nun iranischen Luftraum erreicht hätten. Ich sehe wie die weiblichen Passagiere langsam ihre Kopftücher hervorziehen und aufsetzen, mein halbvoller Whiskey-Cola wird mir abgenommen. Plötzlich verspüre ich sie zum ersten Mal: Angst. Scheisse, auf was habe ich mich da eingelassen? Werden wir schon bei der Einreise verhaftet weil wir kein Hotel gebucht haben, sondern illegal bei Einheimischen schlafen? Reichen die 1000 Euro Bargeld für 3 Wochen, was ist wenn ich ausgeraubt werde? Was habe ich mir nur gedacht, in eine ideologische Welt einzutauchen, einen Gottesstaat zu betreten der an Atomwaffen forscht, den Westen als demokratisch-kapitalistisches Gift verachtet und Terrorismus finanziert?


Der Agent bei der Einreise blättert meinen Pass sehr akribisch durch. 

„Michael, Germany?“ fragt er mit Seinen Aufgerissenen Augen.

„Yeah, Almani hastam“, antworte ich.

 „Ohhh, Michael Ballack, FC Bayern Munich! You", er zeigt auf mich- " him. Welcome to Iran, we are happy to have you here Mr. Ballack!“

Er freut sich uns als Deutsche in seinem Land begrüßen zu dürfen – als wären wir die Ersten seit langer Zeit.

 

Es sollte nicht das einzige Mal sein, dass wir von Iranern zum Fußball-Fachsimpeln gezwungen wurden. Wo wir uns fortan auch hinbewegen sollten, sei es in der Megacity Tehran, in ländlichen Kleinstädten am Kaspischen Meer oder in den Wüstenregionen Zentralirans: Fußball war deren Eisbreaker zum Smalltalk, Neugierde und Bewunderung ihr Antrieb, um uns auf offener Straße anzusprechen: Wo kommst du her? Bist du single oder verheiratet? Kannst du mir mit einem Visum für Europa helfen? – Diese 3 Fragen bekamen wir immer zu hören, von Ärzten, Ingenieuren und Bauern, von Frauen wie Männern. 

Wir fühlten uns als wären wir durch das Überschreiten der Landesgrenze zu Berühmtheiten avanciert. Auf einmal war dieses deutsche Gefühl der Anonymität nicht mehr vorhanden – unbeschwert durch die Innenstadt laufen, gedankenverloren in der U-Bahn auf dem Smartphone rumspielen,  Kopfhörer auf, niemanden ansprechen und von niemandem angesprochen werden – einfach sein Ding machen. Routine. Für Iraner war unser Anblick alles andere als Routine. Es war eine Chance. Was machen zwei solch junge, westlich aussehende Männer allein, ohne Reisegruppe in unserem Land?

Für sie war es die Chance, einem bedrückenden Alltag der Perspektivlosigkeit zu entkommen. Für sie war es die Chance, mental nach Deutschland zu reisen, an einen Ort der Sehnsucht wo alles besser scheint, nicht nur für viele Flüchtlinge aus den angrenzenden Nahost-Gebieten. Die Landesgrenzen physisch zu überschreiten ist für viele Iraner ein Traum, deren Verwirklichung durch die rigide, islamische Politik diktiert wird: ein abgeschlossenes Studium, anschließend 2 Jahre Wehrdienst – dann hält man seine persönliche Freiheit in Form eines neu ausgehändigten Reisepasses in den Händen. Für alle Frauen und die weniger gebildeten Männer unerreichbar.

Sich auf eine mentale Reise begeben, seinen Horizont erweitern, unverfälscht aus erster Hand hören wie es anderswo  auf dieser Welt ist, und nicht zuletzt den muslimischen Sitten der Nächstenliebe folgen – das hat die Menschen im Iran dazu bewegt, uns Fremde in ihrem Land willkommen zu heißen. Wir mussten deren Hilfe teils ablehnen, weil sie in so überwältigender Anzahl kam: angefangen von großen Gesten wie Einladungen zum Essen in den eigenen vier Wänden, Urlaubstage opfern um uns Fremden die Stadt zu zeigen,  einen Schlafplatz anbieten, kostenloser Transport zum Bahnhof bis hin zu kleinen Gesten wie unaufgefordert für uns Frühstück kochen und uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Gastfreundschaft in diesem Kontext bedeutet, das Unbekannte mit offenen Armen zu begrüßen und alles dafür zu tun, das Unbekannte in Freundschaft zu verwandeln. Durch das Annehmen dieser unfassbar selbstlosen Gastfreundschaft entwickelte sich schnell ein Gefühl des Vertrauens und der Geborgenheit – wir lernten das Gefühlschaos dieser Menschen kennen, spürten ihre Sorgen und ihre Unzufriedenheit mit der Politik. Wir schliefen bei einem Ehepaar im (Un-)Ruhestand, bei Arbeitslosen, bei orientierungslosen Studienabbrechern, Bei Unternehmern, bei Familien mit Kindern, bei einfachen Menschen unter sternenklarem Himmel in der Wüste. So unterschiedliche diese Leute in ihrer Bildung, ihrem Alter und ihren Englischkenntnissen auch waren, so eindeutig war doch ihr Konsens: wir sind diese politisch-islamischen Ideologien leid, die willkürliche Gewalt durch die Exekutive, die Beraubung unser persönlichen (Meinungs-)Freiheit. Das Dilemma der iranischen Gesellschaft wurde mit jedem Gespräch klarer: Die von der islamischen Führung verordnete Ideologie eines schiitischen Gottesstaates mit der Unterdrückung von westlichem-liberalem Gedankengut könnte nicht weiter von den wahren Wünschen der Bevölkerung sein: die Gewalt über ein selbstbestimmtes Leben haben, eine Freiheit wie sie im demokratischen-kapitalistischen Westen verankert ist.

Aufgrund dieses klaffenden Vakuums zwischen Realität und Wunschvorstellung überrascht es nicht, das heute ca. 40% der Iraner an psychischen Erkrankungen leiden. In Zeiten der Hoffnungslosigkeit und des Unmuts liegt es in der Natur des Menschen, sich Fiktionen für eine bessere Zukunft zu erträumen und nicht selten daran zu verzweifeln. Durch eine mir bis dahin unbekannte Dimension von gelebter Gastfreundschaft bekamen diese Menschen Zugang zu einer Realität, die für sie bis dato nur Fiktion war. Wir Europäer verkörpern ihre Fiktion einer besseren Zukunft in der Realität.


Azerbaijan Flug 8006 | Tehran nach Baku: Ich bin todmüde aber erleichtert das Land endlich verlassen zu können. Mir ist noch nicht klar wie ich die Erlebnisse der letzten Wochen einordnen soll.  Habe ich etwas übersehen? Wo waren diese Atomwaffen und Terroristen? Ist das alles wirklich passiert, wurde ich in den letzten 3 Wochen wirklich nur von Gastfreundschaft terrorisiert?